20. Januar 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Manfred Geier
(Hamburg)
Heideggers Größe - der Philosoph, der aus dem Kleinen kam.
Heidegger war ein Meister der Verschiebung. Immer auf der Suche nach dem "Größten",
für das er immer wieder neue Favoriten einsetzte. Zuerst die Heimat, die ihm das "Geheimnis
der Größe" zu bergen schien, dann die ewige Wahrheit und Größe des
christlichen Glaubens und Gottes, dann die Größe der Existenz, des faktischen Daseins
selbst, dann Sein und Nichts, dann die innere Wahrheit und Größe des
Nationalsozialismus, schließlich die großen Denker und Dichter, am Ende die
wuchernde Größe des technischen Gestells, das zu groß war, um noch gedacht
werden zu können. Und zuallerletzt dann das "große Welt-Geviert" von Himmel und Erde,
den Göttlichen und den Sterblichen. Dann endete er in einem kleinen Sarg und wurde im
kleinen Meßkircher Friedhof neben seinen Eltern beerdigt. Aus dem Kleinen kommst Du, zu
Kleinem sollst Du wieder werden.
(Manfred Geier stellt sein im April erscheinendes Buch über Heidegger vor.)
27. Januar 2005, 20:00 h
Privatdozent Dr. phil. Wolfgang R. Köhler
(Frankfurt am Main)
"Alle Philosophie ist ´Sprachkritik´" (Wittgenstein)
Im Unterschied zu Heidegger hat Wittgenstein in seinem Spätwerk "Philosophische Untersuchungen" sein eigenes Frühwerk "Tractatus Logico-Philosophicus" kritisiert und verworfen. Den sprachkritischen Impuls aber hat er beibehalten. Doch seine Auffassungen über Sprache und Sprechen haben sich geändert. Deshalb fragt es sich, ob man dem frühen oder dem späten Wittgenstein Recht geben soll, wenn man über das Phänomen der Sprache nachdenkt. Auch wenn eine ähnliche Selbstkritik sich bei Heidegger nicht findet, so gibt es doch gewisse Analogien zu Heideggers Frühwerk "Sein und Zeit".
3. Februar 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Michael Pauen
(Magdeburg)
Zufall oder Zwang?
Das Dilemma der Freiheit und ein Lösungsvorschlag.
Zu unseren grundlegenden Intuitionen in bezug auf Freiheit gehört die Fähigkeit, anders zu handeln. Offenbar gibt es diese Fähigkeit in einer determinierten, naturgesetzlich beschreibbaren Welt nicht. Doch auch die Aufhebung der Determination wäre keine Lösung, weil sie nicht zu mehr Freiheit, sondern allenfalls zu mehr Zufällen führen würde. Dem scheinbaren Dilemma von Zufall und Zwang läßt sich jedoch eine Konzeption von Freiheit entgegensetzen, die auf dem Prinzip der Selbstbestimmung basiert. Sie erlaubt eine sinnvolle Neubestimmung der Forderung, anders handeln zu können; sie ist mit unseren übrigen vorwissenschaftlichen Intuitionen verträglich und stimmt auch mit den wichtigsten gegenwärtigen empirischen Befunden überein.
10. Februar 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Hans-Peter Schütt
(Karlsruhe)
Vom sentimentalischen Ursprung moralischer Überzeugungen
Schon allein der "Ursprung" moralischer Überzeugungen wäre als Thema ausgesprochen altmodisch, ihr sentimentalischer Ursprung ist es erst recht: ein Thema des 18. Jahrhunderts und vor allem der schottischen Schule des "moral sense". Ein Sprößling dieser Schule und später einer ihrer Kritiker hieß Adam Smith. Von der "Theorie moralischen Empfindens", die er gleichwohl entwickelt hat, läßt sich auch nach Kant und besonders heute noch manches lernen.
17. Februar 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Petra Gehring
(Darmstadt)
Steigflug, Zielflug, Überflug
Das Fliegen als Metapher für den Erkenntnisprozeß
24. Februar 2005, 20:00 h
Prof. Dr. iur. Klaus Günther
(Frankfurt am Main)
Warum die Folter verboten bleiben sollte
3. März 2005, 20:00 h
Dr. phil. Louise Röska-Hardy
(Dortmund)
Ist die Natur-Kultur-Debatte entschieden oder überholt?
Angesichts naturwissenschaftlicher Entdeckungen über das menschliche Denken, die Evolution und unser genetisches Erbe behaupten Soziobiologen, Evolutionspsychologen, und Verhaltensgenetiker, daß die Debatte um Natur und Kultur in der menschlichen Prägung überholt oder auch entschieden ist. Nicht Erziehung und Umwelteinflüsse prägen und formen den Menschen, sondern angeblich dessen Gene und sein Eingebettetsein in die Evolution des menschlichen Geistes. Läßt sich die uralte Frage nach dem Verhältnis von Natur und Kultur durch die neueren naturwissenschaftlichen Ergebnisse zu Gen- und Umwelteinflüssen entscheiden oder muß man nicht vielmehr von einer Kultur-Natur des Menschen sprechen?
10. März 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Wolfgang Künne
(Hamburg)
Über Lug und Trug
Was ist eigentlich eine TÄUSCHUNG (oder spezifischer: was ist Verheimlichung, Betrug, Selbsttäuschung)? Was ist das eigentlich, ein TÄUSCHUNGSVERSUCH (oder spezifischer: was ist Verstellung, Heuchelei, Lüge)? Lauter 'sokratische' Fragen die beantwortet werden wollen. Einschlägige Überlegungen von Augustinus, Thomas von Aquin, Kant, Frege, Sartre und Dennett werden herangezogen. Der eigentliche Held des Vortrags aber ist der Urgroßvater der analytischen Philosophie, der böhmische Philosoph Bernard Bolzano (1781-1848).
17. März 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Anton Leist
(Zürich)
Wahrheit als soziale Handlung?
Thematisiert wird der Sinn der pragmatistischen Wahrheitstheorie.
7.April 2005, 20:00 h
PD Dr. phil. Karen Joisten
(Mainz)
Das Widerstehen der Philosophie
Natürlich gibt es eine Vielzahl von Deutungen der Philosophie. Einer soll hier nachgegangen werden. Derjenigen nämlich, die sich geradezu idealtypisch an Sokrates veranschaulichen läßt. Philosophie ist dann nicht das Salonfähige, sondern eine Art Stimulans des Widerständigen, störend, subversiv, voll schöpferischer Kraft, die eine Grenzverschiebung nach sich ziehen kann. Von dieser Vorstellung von Philosophie hat Merleau-Ponty in bezug auf Sokrates gesagt: "sie ist nicht wie ein Idol, dessen Wächter er wäre und das er in Sicherheit bringen müßte, sie besteht in einer lebendigen Beziehung zu Athen, in seiner abwesenden Gegenwart, in seinem respektlosen Gehorsam. Sokrates gehorcht in einer Weise, die eine Art Widerstand ist".
14. April 2005, 20:00 h
Privatdozent Dr. phil. Peter Gold
(Jena)
Relativität versus Invarianz in Einsteins Theorie(n)
Wie mechanische Bewegungen im Raum-Zeit-Kontinuum aus physikalischer Sicht aussehen, hängt unter anderem von der Bewegung des Bezugssystems selbst ab. Was ändert sich alles, wenn sich das Bezugssystem ändert? Besteht nicht die Pointe der Relativitätstheorie(n) Einsteins gerade darin, daß die physikalische Realität niemals ohne koordinatenbedingte Relativität erfahrbar und darstellbar ist, sei es im Experiment oder in der Theorie? Eben nicht, denn die Pointe liegt ganz woanders: nicht in der Relativität, sondern dort, wo die Theorie jene Relativität hinter sich läßt.
21. April 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Karl-Heinz Kohl
(Frankfurt am Main)
Mythos und Magie in der "Dialektik der Aufklärung"
Religionswissenschaftliche und ethnologische Quellen" In Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung" - dem vielleicht populärsten Text der Kritischen Theorie - spielen die Begriffe Mythos und Magie eine zentrale Rolle. Aus welchen Vorlagen haben die beiden Autoren die Begriffe bezogen? Entspricht ihre Verwendung dem Stand der damaligen religionswissenschaftlichen und ethnologischen Forschung? Unter diesen Gesichtspunkten soll der Text einer genauen Analyse unterzogen werden; dabei werden einige Widersprüche zutage treten.
28. April 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Hans-Dieter Mutschler
(Krakau)
Ist die Welt kausal geschlossen?
Nach einer verbreiteten Überzeugung folgt in der materiellen Welt immer ein Ereignis auf ein anderes nach ehernen Gesetzen. Neuere Untersuchungen zum Begriff der ‚Kausalität' lassen es allerdings fraglich erscheinen, ob wir wirklich über strenge Sukzessionsgesetze verfügen (Nancy Cartwright). In dieselbe Richtung weisen empirische Untersuchungen aus der Chaos- und Komplexitätstheorie, sowie der Biokybernetik. Danach erscheint die Welt eher als ein kausales Geflecht mit offenen Enden und nicht als eine eherne Kette, die alles zusammenhält.
12. Mai 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Gerhard Gamm
(Darmstadt)
Vom Wandel der Wissenschaft(en) und der Kunst
So überzeugend es auf den ersten Blick erscheinen mag, die moderne Welt nach relativ autonomen, funktional differenzierten Sphären wie Recht und Wirtschaft, Politik und Erziehung, Wissenschaft und Kunst zu betrachten, so wenig angemessen ist es auf den zweiten. Da zeigt sich eine geradezu unheimliche, fast primitive Verwandschaft und Parallelität zwischen den unterschiedlichen Bereichen. Jean Baudrillard greift gar zu einer medizinischen Metapher: er spricht von einer "viralen Unterscheidbarkeit". Danach hält es keine Sphäre mehr in den Grenzen der ihr eigenen Logik. Dieser Prozeß wechselseitiger Durchdringung von Wissenschaft und Kunst soll in einigen Aspekten beleuchtet werden, nicht ohne den Dritten im Bunde, die Gesellschaft und ihr Verhältnis zu Wissenschaft und Kunst mitzubedenken.
19. Mai 2005, 20:00 h
Prof. Dr. rer.nat. Moritz Epple
(Frankfurt am Main)
Ein ungewöhnlicher Weg in die kulturelle, philosophische und mathematische Moderne: Felix Hausdorff, 1868-1942
Vorgestellt wird die intellektuelle Biographie und philosophische Entwicklung dieses jüdischen Mathematikers, Philosophen und Schriftstellers. Hausdorff, der zu den führenden Mengentheoretikern des frühen 20. Jahrhunderts gehört, begann seine intellektuelle Laufbahn unter dem Pseudonym Paul Mongré als Aphoristiker und Erkenntniskritiker im Umfeld Nietzsches. In diesen Schriften setzte er sich zunehmend auch mit den im späten 19. Jahrhundert hochbrisanten Fragen der Philosophie von Zeit und Raum auseinander, die ihn um 1900 zu einer wissenschaftstheoretischen Position des "besonnenen Empirismus" führten, in der etliche Vorstellungen des frühen Wiener Kreises vorweggenommen werden. Von dort aus wandte er sich nach 1900 der höheren mathematischen Mengenlehre zu, die er in der Folgezeit maßgeblich voranbrachte. 1935 emeritiert, nahm er sich 1942 zusammen mit seiner Frau und deren Schwester das Leben, als die Einweisung in ein KZ unmittelbar bevorstand.
2. Juni 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Richard Schantz
(Siegen)
Was ist Wahrheit?
In der modernen Debatte um den Wahrheitsbegriff können wir grob zwei Lager voneinander unterscheiden. Auf der einen Seite stehen diejenigen Philosophen, die geltend machen, daß der Begriff der Wahrheit ein wichtiger, ein tiefer, ein unentbehrlicher oder ein substantieller Begriff ist, um den es sich zu kämpfen lohnt. Innerhalb dieses Lagers können wir weiter diejenigen Philosophen, die eine epistemische Analyse der Wahrheit vorschlagen, von denjenigen unterscheiden, die für eine semantische Analyse eintreten. Auf der anderen Seite stehen Philosophen, die behaupten, daß die Vertreter des ersten Lagers sich schwer täuschen und einer Schimäre nachjagen, wenn sie glauben, Wahrheit habe eine zugrundeliegende Natur, die epistemisch oder semantisch oder vielleicht auch metaphysisch analysiert werden könnte. Die Vertreter des zweiten Lagers stellen die radikale Behauptung auf, daß Wahrheit kein substantieller oder explanatorisch relevanter Begriff ist, der eine interessante Eigenschaft oder eine interessante Relation ausdrückt. Wahrheit ist ihnen zufolge vielmehr ein rein formaler Begriff. Sie plädieren, wie man sagt, für eine deflationistische oder minimalistische Analyse der Wahrheit.
9. Juni 2005, 20:00 h
Dr. phil. Alexander Becker
(Frankfurt am Main)
Wozu braucht man die Philosophie für die Musik?
Von allen Kunstgattungen hat die Musik am wenigsten mit Begriffen und Gedanken zu tun. Ist die Musik für die Philosophie deshalb nur ein fremdartiges Faszinosum, läßt sich eine philosophische Theorie der Musik aufstellen, oder gibt es gar ein "musikalisches Denken"?
16. Juni 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. et theol. Matthias Lutz-Bachmann
(Frankfurt am Main)
Allgemeine Menschenrechte und globale Rechtspflichten: welche Zukunft hat das Völkerrecht?
23.Juni 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Andreas Kemmerling
(Heidelberg)
Warum die Psychologie als strenge Wissenschaft unmöglich ist
Zu den Phänomenen einer wissenschaftlichen Psychologie gehören insbesondere auch sog. intentionale Geisteszustände wie Überzeugungen, Wünsche und Absichten. Zwar scheint trotz aller eliminativistischen Gegenargumente unbestreitbar, daß es solche Geisteszustände tatsächlich gibt, aber sie sind ihrer begrifflichen Natur nach nicht dazu geeignet, Gegenstand einer strengen Wissenschaft zu sein. Der Grund dafür ist: Ihre Anwendbarkeit ist wesentlich an eine unbeseitigbare Normalitätsvoraussetzung gekoppelt.
30. Juni 2005, 20:00 h
Dr. phil. Brigitta von Wolff-Metternich
(Heidelberg)
Zweckfreie und nutzenorientierte Wissenschaft -
zwei unvereinbare Aufgaben der Universität?
8. September 2005, 20:00 h
PD Dr. phil. Julia Wildberger
(Frankfurt am Main)
Warum der stoische Weise langsam geht
Der stoische Weise irrt sich nie und tut immer das Richtige - dabei ist er doch auch nur ein Mensch und kein Hellseher. Könnten auch wir normale Menschen von dieser Lebenskunst eines stoischen Weisen profitieren?
15. September 2005, 20:00 h
Dr. phil. Verena Gottschling
(Mainz)
Ist Denken bildhaft?
Die Idee von bildhaftem Denken wird seit der Antike diskutiert. Doch seit Anfang des letzten Jahrhunderts wurde Denken vor allem als sprachliches Denken verstanden und die Frage anschaulichen Denkens vernachlässigt. In modernem kognitions- und neurowissenschaftlichem Gewand hat diese Debatte unter dem Schlagwort "Imagery Debatte" eine Renaissance erlebt.
Insbesondere ist es seit etwa Mitte der 80er Jahre mit den neuen bildgebenden Verfahren möglich geworden, die Gehirnaktivitäten direkt zu messen. Was ergibt sich daraus für das Funktionieren des bildhaft menschlichen Denkens?
22. September 2005, 20:00 h
PD Dr. phil. Wolfgang R. Köhler
(Frankfurt am Main)
Gefühle und Emotionen
In einem wichtigen Sinne bezeichnen diese beiden Begriffe nicht dasselbe Phänomen, obwohl uns die Umgangssprache das Gegen-teil suggeriert. Eine philosophische Betrachtung zeigt den auch ethisch bedeutsamen Unterschied.
29. September 2005, 20:00 h
Dr. phil. Heiko Joosten
(Frankfurt am Main)
Reflexionen über das Selbst
Die Frage nach dem Selbst ist womöglich so alt wie die Philosophie. Doch die geistesgeschichtliche Vertrautheit mit dem „Selbst" kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen der am heftigsten umstrittenen und schwierigsten Gegenstände der Philosophie handelt. Es ist zu vermuten, daß das Selbst als paradoxe Melange des antiken Substanz- und des modernen Subjektbegriffs verstanden werden muß, bis zur Frage nach jener enormen systematischen Bedeutung entwickeln, die der Deutsche Idealismus diesem schillernden Objekt verliehen hat – und ihm in den ethischen und sozialphilosophischen Debatten unserer Tage wieder beizumessen versucht wird.
13. Oktober 2005, 20:00 h
Dr. phil. Alexander Fidora
(Frankfurt am Main)
Universale Vernunft und Vielfalt der Religionen
Ist der Dialog der Religionen möglich und welche Rolle kann die Philosophie hierbei spielen? Diese nach wie vor drängende Frage soll mit Hilfe zweier herausragender Vertreter des Gesprächs der Religionen aus Mittelalter und Gegenwart beantwortet werden, nämlich anhand der konkurrierenden Entwürfe des mallorquinischen Universalgelehrten Ramon Llull (1232- 1316) und des bekannten indischen Philosophen und Theologen Raimon Panikkar (* 1918). Sie bestimmen Diskursivität und Rationalität, Vernunft und religiöse Erfahrung unterschiedlich.
20. Oktober 2005, 20:00 h
PD Dr. phil. Wolfgang R. Köhler
(Frankfurt am Main)
Was es nicht alles gibt -
eine Einführung in die Ontologie
Die Ontologie als „metaphysica generalis" beschäftigt sich mit den allgemeinsten Bausteinen der Welt bzw. der Wirklichkeit. Eindeutige und unbezweifelbare Antworten sind auch hier nicht zu erwarten - aber wohl eine intersubjektive Verständlichkeit.
27. Oktober 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Elke Brendel
(Mainz)
Wie kontextabhängig ist unser Wissen?
In der gegenwärtigen Erkenntnistheorie sind Positionen, die den Wissensbegriff als kontextabhängig verstehen, auch deshalb so enorm populär und einflussreich, weil sie scheinbar plausible Lösungen für traditionelle epistemologische Probleme – wie z.B. den Wissensskeptizismus – bereitstellen. Im Vortrag wird jedoch gezeigt, dass die Annahme der Kontextabhängigkeit von „Wissen" zu zahlreichen kontraintuitiven Konsequenzen führt. Die Analyse dieser Schwachstellen führt zu dem Entwurf einer tragfähigeren Konzeption von Wissen.
3. November 2005, 20:00 h
PD Dr. phil.Wolfgang Mack
(Frankfurt am Main)
Erklären in der Psychologie
Naturphänomene kann man erklären, wie z.B. eine Mondfinsternis. Darüber herrscht wenig Streit. Bei seelischen Eigenschaften sieht das anders aus. Kann man Farben erklären? Töne? Erinnerungen an die Kindheit? Persönlichkeit? Es werden zwei grosse Klassen von Erklärungsarten vorgestellt, Veränderungs- und Eigenschaftsinstantiierungserklärungen. Letztere sind ein Fortschritt für die Psychologie, aber mit einigen schwerwiegenden Problemen versehen. Seelisches kann nur eingeschränkt nach dem Vorbild der Erklärung von Naturphänomenen erklärt werden. Auch dafür ist nach Erklärungen zu suchen, womit aber ein engerer naturwissenschaftlicher Erklärungsbegriff verlassen wird.
10. November 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Thomas M. Schmidt
(Frankfurt am Main)
Gott im Gehirn?
Die Ergebnisse der Hirnforschung stehen zur Zeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Manche Neurowissenschaftler behaupten, dass sich menschliches Handeln und Denken vollständig naturalistisch erklären lasse. Eine neue Forschungsrichtung namens „Neurotheologie" beansprucht nun sogar, die biologischen Grundlagen der Religion entschlüsseln zu können. Wird damit Religion endgültig naturwissenschaftlich widerlegt und als biologisch nützliche Fiktion entlarvt? Oder liefern die Neurowissenschaften eine wissenschaftliche exakte Begründung für den religiösen Glauben, indem sie ein „Gottmodul" im menschlichen Gehirn lokalisieren. Eine philosophische Auseinandersetzung mit der Neurotheologie wird sich vor allem auf Fragen nach der Rationalität, der Begründbarkeit und dem methodischen Status neurowissenschaftlicher Aussagen über Religiosität konzentrieren.
17. November 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Martin Seel
(Frankfurt am Main)
Teilnahme und Beobachtung -
Über die Grundlagen menschlicher Freiheit
Die Opposition von "Teilnahme" und "Beobachtung" spielt in der jüngsten Diskussion über die Willensfreiheit eine gewichtige Rolle. Aus einer naturwissenschaftlichen Beobachterperspektive, sagen nicht wenige Kommentatoren, erweist sich das menschliche Freiheitsbewusstsein immer deutlicher als Illusion. Aus der alltäglichen ebenso wie der innerwissenschaflichen Teilnehmerperspektive, so entgegnen andere, erweist sich die Annahme, im Denken und Handeln frei zu sein, als unhintergehbar. Der Vortrag erörtert das Verhältnis der beiden Perspektiven unter dem Leitmotiv der These, dass wir als Beobachter Teilnehmer und als Teilnehmer Beobachter sind.
24. November 2005, 20:00 h
Dr. phil. Friedrich W. Schmidt
(Frankfurt am Main)
Was ist eigentlich Idealismus?
Wenn man im richtigen Leben von Idealismus redet oder jemanden als Idealisten bezeichnet, denkt man dabei an eine Mischung aus einem besonders edlen Menschen und einem Volltrottel. Beides ist in der idealistischen Philosophie sicher nicht gemeint, die sich - von Kant bis Hegel - durchaus als „realistisch" verstanden hat. Die Frage könnte also lauten: wie „realistisch" sind Ideen bzw. Ideale und die entsprechenden philosophischen Theorien in ihrem Anspruch an unser Denken und Handeln?
1. Dezember 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Hans-Dieter Mutschler
(Krakau)
Hat die Natur ein Eigenrecht?
Diese Frage gehört in die angewandte Ethik, nämlich in die ökologische Ethik. Die wesentliche Frage dort ist, ob außermenschliche Lebewesen so etwas wie ein Eigenrecht oder eine eigene Würde haben, die moralische Verpflichtungen gegenüber diesen Wesen einschliesst.
In der ökologischen Ethik scheinen zwei Probleme fundamental:
a) Wer soll in den ‚ethischen Club' aufgenommen werden? Nur Menschenaffen, alle empfindsamen Lebewesen oder auch Gräser und Steine?
b) Welche ontologischen Verpflichtungen handelt man sich ein, wenn man außermenschlichen Naturseienden ein eigenes Recht oder eine eigene Würde zugesteht? Steht dies nicht in Widerspruch zu unserem wissenschaftlichen Weltbild?
8. Dezember 2005, 20:00 h
Dr. phil.Frank Siebelt
(Frankfurt am Main)
Die Tatsachenwelt des frühen Wittgenstein
Sein "Tractatus Logico-Philosophicus", gilt nach wie vor als hermetisch geschlossen und schwer zugänglich. Kein Wunder, entwirft Wittgenstein darin doch auf einen Schlag sowohl eine Theorie der Sprache nebst einem dazu passenden Weltbegriff. Zentral für seine Philosophie ist die Ontologie der Sachverhalte und Tatsachen. Was meint Wittgenstein eigentlich, wenn er von der Welt als der „Gesamtheit der Tatsachen" spricht? Woraus bestehen die „Tatsachen" des Tractatus und welche Funktion haben sie für den Aufbau seiner Ontologie und Sprachtheorie? Antworten hierauf öffnen nicht nur eine Verständnistür in dieses Werk, sie zeigen zugleich auf, wie stark seine erste Hauptschrift noch in der aktuellen Ontologiedebatte verankert ist.
15. Dezember 2005, 20:00 h
Prof. Dr. phil. Matthias Jung
(Chemnitz)
Der Geist als Gerüstbauer - unterwegs zu einer integrativen Anthropologie
Darüber, was den menschlichen Geist ausmacht, sind Natur- und Geisteswissenschaftler selten einer Meinung. In jüngster Zeit mehren sich aber die Stimmen, die den unbefriedigenden Gegensatz zwischen einer naturwissenschaftlichen Außen- und einer lebensweltlichen Innenperspektive durch ein neues anthropologisches Denken überwinden wollen. Könnten nicht die geisteswissenschaftlichen Traditionen von Hermeneutik und Pragmatismus mit neueren Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften (Stichwort "Verkörperung)" zusammengeführt werden?